Oper und Konzerte in Venedig




    Romeo und Julia, Ballett von S. Prokofjew

    Romeo und Julia, Ballett von S. Prokofjew

    Nach fast 20 Jahren im Ausland sollte Sergei Prokofjews Rückkehr in die Sowjetunion nichts geringeres als episch sein. Im Jahr 1936 nahm er den Auftrag für ein Ballett vom Leningrader Kirow-Theater an (heute das Mariinski-Theater in St. Petersburg) und wählte dafür die größte Liebesgeschichte der Welt, Shakespeares Romeo und Julia. Der kreative Prozess erwies sich als schwierig, doch das Endergebnis wurde so prachtvoll wie erwartet, wie die Gäste des Gran Teatro La Fenice in Venedig ebenfalls feststellen werden.

    Prokofjew schloss sich mit dem Dramaturgen Adrian Piotrovsky zusammen, um William Shakespeares Quelltext zu adaptieren. Merkwürdigerweise entschlossen sich die beiden, sich beachtliche kreative Freiheiten zu erlauben und verliehen dem Ballett Romeo und Julia bekanntermaßen ein Happy End, was das Publikum bei den ersten Aufführungen ratlos zurückließ. Davon unberührt arbeitete Prokofjew mit großem Enthusiasmus und stellte seine heute als Klassiker angesehene Partitur in Rekordzeit fertig.

    Unglücklicherweise erwiesen sich die Jahre 1936–7 als unberechenbar, was die politischen und künstlerischen Kreise in der Sowjetunion anging und verhinderten so eine Aufführung von Romeo und Julia am Kirow-Theater. Stattdessen feierte das Ballett seine Premiere am 30. Dezember 1938 in Brünn in der Tschechoslowakei. Trotz seiner alternativen Handlung war Prokofjews Romeo und Julia ein sofortiger Erfolg, vor allem dank der einnehmenden Partitur.

    Ohne Rücksicht auf die positive Reaktion des Publikums war die sowjetische Zensur unerbittlich mit dem ersten Bühnenwerk des Komponisten auf heimischen Boden. Als die Premiere am Kirow-Theater 1940 schließlich stattfand, sah sich Prokofjew gezwungen, zu Shakespeares ursprünglicher Handlungslinie zurückzukehren und am ganzen Ballett dramatische und musikalische Veränderungen vorzunehmen. Dennoch behielt Romeo und Julia seinen unwiderstehlichen Charme durch alle Bearbeitungen hindurch bei und ist bis heute eines der beliebtesten Ballette der Welt.

    Überall in seiner herausragend bewegenden Partitur verteilte Prokofjew zahlreiche im Gedächtnis bleibende Melodien, die das ganze emotionale Spektrum abdecken. Eine der am leichtesten erkennbaren Melodien, ‘Tanz der Ritter’, verleiht der Bosheit und den Animositäten zwischen den beiden verfeindeten Familien eine musikalische Verkörperung. Der ‘Liebestanz’ von Romeo und Julia erfasst die Unschuld und die himmlische Leichtigkeit der gegenseitigen Gefühle der beiden Jugendlichen. ‘Julias Begräbnis’ stürzt sich in die Tiefe der Trauer und bringt die Tragödie zu ihrem ultimativen Ende.

    Trotz der vielen Hindernisse führte Prokofjew seinen Plan für ein herausragendes sowjetisches Debüt fort. Das Ballett Romeo und Julia ist ein künstlerischer Triumph, zu sehen diese Saison im Gran Teatro La Fenice!




    image Gran Teatro La Fenice / Fondazione Teatro La Fenice, Michele Crosera