Oper und Konzerte in Venedig




    Aquagranda, Oper von F. Perocco

    Aquagranda, Oper von F. Perocco

    Überschwemmungen in Venedig sind ein ständiges Problem. Einige Jahre haben jedoch größere Spuren in der Stadt hinterlassen als andere. Und 1966 war das Schlimmste seit Aufzeichnungsbeginn. Der 4. November dieses Jahres, ein Freitag, war der Tag, an dem das Acqua alta, das hohe Wasser, neue Ausmaße erreichte. Hochwasser im Zusammenwirken mit einem ungewöhnlich starken Sirocco, einem Tropenwind aus Richtung Sahara, ließen die Fluten bis auf eine Höhe von 194 Zentimeter ansteigen, ein Vorgeschmack darauf, was viele irgendwann als endgültiges Schicksal für die Königin der Adria befürchten.

    Aquagranda, eine Arbeit, die aus Anlass des fünfzigsten Jahrestags der Flut vom Teatro La Fenice in Auftrag gegeben wurde, um seine Spielzeit 2016/17 einzuläuten, feiert die Unbesiegbarkeit der menschlichen Tatkraft. Komponiert von Filippo Perocco auf ein Libretto, das von Roberto Bianchins Acqua Granda. Il romanzo dell'alluvione adaptiert wurde, ist die Oper eine fiktive Darstellung der Erfahrungen von Ernesto Ballarin auf Pellestrina, einem der schmalen Landstreifen, der Venedig vor dem Meer schützt, als der Sturm die Insel zu verschlingen drohte.

    Ballarins Vater, ein Fischer namens Fortunato, ist betrübt über die Entscheidung seines Sohnes, ein neues Leben, weit weg von Venedig und Pellestrina, zu beginnen. Fortunato mag nicht dazu in der Lage sein, seinen Sohn umzustimmen; eine viel stärkere Kraft, in Gestalt der Natur, verhindert allerdings Ernestos Pläne. Als Pellestrinas Deiche gebrochen sind, entscheidet sich Ernesto dazu, bei seinem Vater zu bleiben, anstatt das Haus der Familie zu evakuieren. Gemeinsam mit Cester, dem örtlichen Polizisten und Nane, Fortunatos Fischereikumpan, scheinen ihre Leben zunächst gefährdet zu sein. Doch der Glaube der Männer wird belohnt, als die Winde beginnen nachzulassen und das Wasser zurückweicht.

    Im wahren Leben blieb Ernesto in Venedig. Er gründete das Vini da Marco, ein Restaurant im Stadtteil San Marco. Klar, es ist schwierig, den Verlockungen der Serenissima zu widerstehen, selbst wenn das Meer droht, sie zurückzufordern.

    Als Mitbegründer des Ensembles für zeitgenössische Musik, L'arsenale, ist Perocco ein Künstler, der vom puren Wesen der Musik fasziniert ist: wie Tonfolgen von Musikern gemacht und von ihrem Publikum wahrgenommen werden. Dass die Wahl auf Perocco fiel, der Aquagranda, die vermutlich auf ewig mit der Geschichte von Venedig in Verbindung gebracht werden wird, schaffen sollte, war eine Meisterleistung von Seiten La Fenices. Unerschrocken mit dem Experimentieren neue Gedanken und Ideen hervorzaubernd, ist er ein Komponist, der die klanglichen Möglichkeiten von Stimmen und traditionellen Instrumenten bis an ihre letzten Grenzen ausreizt.

    Peroccos Oper ist eine Einladung, unsere Beziehung zu den Elementen zu konfrontieren. Aber im Publikum des Teatro La Fenice für die Vorstellung von Aquagranda zu sitzen, lässt uns die Arbeit noch einmal auf einer völlig anderen Ebene erleben. Aquagranda ist untrennbar von dem Ort ihrer Darbietung, ebenso wie Venedig selbst untrennbar mit dem Meer verbunden ist.




    image Gran Teatro La Fenice / Fondazione Teatro la Fenice / Michele Crossera